Wenn Menschen anfangen, Kräutertees selbst zu mischen, suchen sie meist zuerst nach Rezepten.
Sie finden dann Anleitungen wie:
- 20 g Kamille
- 15 g Melisse
- 10 g Fenchel
Doch oft bleibt eine wichtige Frage unbeantwortet:
Warum genau diese Pflanzen?
Wer nur Rezepte sammelt, lernt vor allem Rezepte.
Wer versteht, wie eine Mischung aufgebaut ist, kann dagegen selbstständig neue Kombinationen entwickeln – passend zur Jahreszeit, zum eigenen Körper und zu den Kräutern, die gerade verfügbar sind.
Eine gute Teemischung beginnt deshalb nicht mit Pflanzen, sondern mit einer Frage:
Was soll diese Mischung eigentlich bewirken?
Schritt 1: Das Ziel festlegen
Bevor du eine einzige Pflanze auswählst, solltest du wissen, wohin die Reise geht.
Mögliche Ziele könnten sein:
- Den Geist Entspannen
- Verdauung unterstützen
- Trockene Schleimhäute befeuchten
- Den Magen beruhigen
- Konzentration fördern
- Nach einer Erkältung regenerieren
Je klarer das Ziel, desto einfacher wird die Auswahl der Pflanzen.
Viele misslungene Teemischungen entstehen, weil einfach alle „gesunden“ Kräuter zusammengeworfen werden.
Mach dir also zuerst klar, welchen „IST“-Zustand du in welchen „Soll“-Zustand du verändern willst.
Schritt 2: Den Gewebezustand betrachten
Hier beginnt die eigentliche Individualisierung.
In deinem Körper gibt es Gewebe, Organe und Organsysteme. Es gibt Pflanzen, die spezifisch für einen Gewebetyp agieren, etwa Eibisch und andere schleimstoffhaltige Pflanzen für die Schleimhäute. Dann gibt es Pflanzen, die Organspezifisch arbeiten, etwa die Herzglykoside im Fingerhut. Und es gibt Pflanzen, die auf ein ganzes Organsystem ausgreifen, wie Ingwer, der auf das Herz-Kreislaufsystem bis in die peripheren Gefäße wirkt und so eine systemische Wirkung auf den gesamten Körper haben kann.
Stell dir also die Frage:
Wie zeigt sich das Gewebe gerade?
Zum Beispiel:
Trockenheit
- trockener Hals und Husten
- trockene bis schuppige Haut
- schwerfällige Gelenke
Feuchtigkeit
- verschleimte Atemwege
- schwere Verdauung
- nässende Hautzustände oder Schwellungen
Spannung
- Krämpfe
- Verspannungen
- Nervosität
Erschlaffung
- mangelnde Gewebespannung und Ödeme
- träger Stoffwechsel
- schwache Verdauung
Hitze
- Entzündungen
- Rötung
- empfindliche Haut
Kälte
- kalte Hände und Füße
- schlechte Durchblutung
- Verstopfung
Plötzlich wird klar, warum zwei Menschen mit derselben Diagnose unterschiedliche Pflanzen brauchen können. Der darunterliegende Gewebezustand kann ein unterschiedlicher sein, aus wenn beide Personen zunächst die selben Symptome zeigen. Schmerzen in den Gelenken können Ausdruck von einer Entzündung (Hitze) sein, die Schmerzen können aber auch ein Ausdruck von mangelnder Durchblutung (Kälte) sein, die der Körper durch eine Entzündung auszubalancieren versucht. Das sind deine Hauptkräuter.
Achte aber nicht nur auf Einzelsymptome, sondern auch auf den Gesamtzusammenhang des Körpers. Schau, was sonst noch im Körper und Leben der betreffenden Person los ist. Das gibt dir Hinweise auf weitere unterstützende Kräuter in deiner Mischung.
Schritt 3: Die Energetik der Kräuter bestimmen
Jetzt weißt du, welches Ungleichgewischt im Körper vorherrscht. Jetzt suchst du die passenden Kräuter zum Ungleichgewicht, wie ein Schlüssel zum Schloss.
Fragen könnten sein:
Ist Wärme nötig?
Typische Hinweise:
- Kältegefühl
- Frösteln
- langsame Verdauung
Ist Kühlung gefragt?
Typische Hinweise:
- Hitzegefühl
- Gereiztheit
- Entzündungsneigung
- trockene Rötungen
Wird Anregung benötigt?
- Stagnation
- Völlegefühl
- innere Festgefahrenheit
Wird Beruhigung benötigt?
- Überreizung
- Unruhe
- Anspannung
Die Energetik hilft dir, die Richtung deiner Mischung festzulegen. Brainstorme so viele Pflanzen mit den Eigenschaften, die dein Körper jetzt braucht.
Schritt 4: Die passenden Pflanzen auswählen
Erst jetzt kommen die Kräuter ins Spiel.
Dabei kannst du verschiedene Rollen vergeben.
Die Hauptpflanze(n)
Sie trägt das eigentliche Ziel der Mischung.
Bei einem trockenen Hals kann das Eibischwurzel sein, bei kalten Händen und Füßen Ingwer.
Schau in deiner Kräuterliste nach einer oder zwei Pflanzen, die dein Hauptsymptom adressieren.
Meistens macht das bis zu 80% deiner Mischung aus.
Unterstützerpflanzen
Sie ergänzen oder verstärken die gewünschte Wirkung der Hauptpflanze(n). Hier kommen klassische „Treiberpflanzen“ zum Einsatz. Sie regen den Kreislauf an und sorgen dafür, dass die Hauptpflanzen schnell an ihr Ziel transportiert werden. Ingwer oder Chili ist hier ein Klassiker, aber auch Echinacea kann ein Treiber sein. Unterstützerpflanzen können auch weitere Organe oder Systeme adressieren.
Ich mach mal ein Beispiel: Du mischst einen Tee, der dein Immunsystem bei anfliegender Erkältung anregen soll. Du fühlst dich kalt, schlapp und verschleimt. Zielorgansystem ist das periphere Kreislaufsystem (also deine kalten Hände und Füße). Deine Hauptpflanze ist Ingwer. Sie ist auch gleichzeitig der Treiber. Als Unterstützerpflanze nutzt du Thymian, um auch deiner verschleimten Lunge etwas von der Wärme des Ingwers zuzuführen.
Unterstützerpflanzen kommen zu ca. 20-30% in der Mischung vor.
Balancepflanzen
Sie sorgen dafür, dass der Tee gerne getrunken wird oder dass unerwünschte Nebenwirkungen von Haupt- und Unterstützerpflanzen abgemildert werden.
In unserem Beispiel haben wir mit Ingwer und Thymian zwei heiße und trockene Pflanzen. Das kann etwas zu viel Hitze und Trockenheit sein. Ich möchte nicht, dass das System dann in Richtung Fieber kippt. Also nehme ich für die Balance noch schleimig-süße Lindenblüten in die Mischung rein. Sie balancieren die Trockenheit aus und sorgen dafür, dass übermäßige Hitze durch Schwitzen ausgeschieden werden kann. So ergibt es eine runde Wirkung.
Balancepflanzen kommen zu ca. 5-10& in der Mischung vor.
Schritt 5: Die Pflanzenchemie mitdenken
Nun folgt die Plausibilitätsprüfung.
Frage dich:
- Lassen sich die Inhaltsstoffe sinnvoll als Tee gewinnen?
- Benötigen einzelne Pflanzen besondere Ziehzeiten oder Zubereitungsarten? (v.a. Wurzeln, Rinden, Früchte)
- Enthält die Mischung viele Schleimstoffe? (Eibisch, Spitzwegerich, Linde)
- Sind stark aromatische Pflanzen enthalten?
- Sind Alkaloide und Gerbstoffe vorhanden? (Gerbstoffe inaktivieren Alkaloide)
Hier zeigt sich, warum Pflanzenchemie praktische Kräuterkunde ist und kein Selbstzweck.
Nicht jede Heilpflanze eignet sich gleichermaßen für einen Aufguss.
Besonders wenn du Kräuter, Blüten und Wurzeln kombinierst kann die Ziehzeit für die Wurzeln zu kurz sein. Setze hier zunächst die Wurzeln in einer Abkochung an und gib die Kräuter und Blüten in den letzten 10 Minuten der Kochzeit dazu. Zugedeckt noch 10 Minuten ziehen lassen und abseihen.
Wenn du Schleimstoffpflanzen als Hauptbestandteile hast, dann setze den Aufguss kalt an und erwärme ihn am nächsten Morgen, damit sich auch aromatische Stoffe lösen können.
Bonus Schritt: Probieren, beobachten und anpassen
Die erste Mischung ist nämlich selten die endgültige Mischung.
Deshalb lohnt es sich, Notizen zu machen:
- Wie schmeckt der Tee?
- Welche Pflanze dominiert?
- Wie fühlt er sich an?
- Was würdest du verändern?
Mit jeder Mischung entwickelst du ein besseres Gefühl für die einzelnen Pflanzen.
Auch die Zubereitungsweise (Abkochung, Tee, Kaltaufguss) und die Ziehzeit kann viel Einfluss auf die Wirkung haben. Probier dich hier aus!

Fazit
Eine gute Kräuterteemischung entsteht nicht dadurch, dass man ein Rezept exakt kopiert.
Sie entsteht, wenn du verstehst:
- welches übergeordnetes Ziel du verfolgst,
- welchen Gewebezustand du unterstützen oder verändern möchtest,
- welche Energetik der Kräuter dafür gefragt ist,
- welche Pflanzen diese Aufgabe übernehmen können.
Rezepte können ein Anfang sein.
Die eigentliche Kunst beginnt dort, wo du sie nicht mehr brauchst.
Viel Spaß beim Mischen!
Steffi
