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Alles kostenlos? Wie die Kostenlos-Kultur die Kräuterkunde zerstört

„Kann ich das Rezept nicht auch kostenlos haben?“
„Warum kostet dein Kurs so viel, die Pflanzen wachsen doch draußen?“

Wenn du selbst mit Heilpflanzen arbeitest, hast du solche Sätze wahrscheinlich schon gehört. Vielleicht hast du sie auch selbst schon einmal gedacht, als du erfahren hast, dass ich Kurse gegen Geld anbiete.

Und ganz ehrlich: Ich verstehe, woher diese Idee kommt.
Aber lass sie uns ein für alle Mal aus der Welt schaffen.

Diese Sätze kommen nämlich nicht zufällig.
Sie zeigen ziemlich gut, wie wir Kräuterwissen als Gesellschaft einordnen.

Nämlich irgendwo zwischen „nett gemeintes Naturhobby“ und „Das kann man sich doch schnell selbst zusammengoogeln“.

Und genau da wird’s spannend. Denn so einfach ist es nicht.

„Das wächst doch draußen!“ – ja. Und jetzt?

Ja, Pflanzen wachsen draußen. (Meistens auch von alleine)
Ja, du kannst dir theoretisch Brennnessel, Schafgarbe oder Löwenzahn selbst sammeln.

Aber das ist ungefähr so, als würdest du sagen:
„Regenwasser fällt vom Himmel – warum muss ich für Wasser aus der Leitung zahlen?“

Der Denkfehler ist simpel:
Pflanzen wachsen kostenlos
👉 also muss das Wissen darüber auch kostenlos sein

Nur funktioniert Wissen nicht so.

Denn zwischen
„Ich pflücke irgendwas grünes“
und
„Ich arbeite gezielt mit einer Heilpflanze“

liegen ein paar entscheidende Schritte:

  • Du musst wissen, welche Pflanze du da überhaupt vor dir hast
  • Du musst einschätzen können, ob du sie wirklich sicher bestimmen kannst
  • Du solltest verstehen, was in dieser Pflanze wirkt und wie es das tut
  • Und du solltest wissen, wie du diese Wirkung überhaupt nutzbar machst

Und nein, das kommt nicht durch Intuition allein.

Die Sache mit der „alten Weisheit“

Kräuterwissen hat ein Imageproblem.
Es wird von AkteurInnen im Internet und in Büchern gerne so dargestellt: weich, intuitiv, irgendwie „ursprünglich“.

Und daraus entsteht schnell die Vorstellung:

„Das ist doch uraltes Wissen – das gehört allen.“

Klingt schön. Ist aber zu kurz gedacht.

Denn das, was wir heute nutzen, ist kein unberührtes Relikt aus einer mystischen Vergangenheit.
Es ist ein ziemlich wilder Mix aus unter anderem:

  • überlieferter „Volksheilkunde“
  • moderner Pflanzenforschung
  • persönlichen Erfahrungen
  • und auch Konzepten wie Energetik oder Ayurveda

Vieles davon wurde angepasst, weiterentwickelt, teilweise auch komplett neu interpretiert und auch verworfen.

Das heißt: Dieses Wissen ist nicht einfach so „entstanden“. Es wurde erarbeitet. Von Menschen, die da viel Zeit und Geld reingesteckt haben (Wasser aus der Leitung kostet Geld und ein Dach über dem Kopf auch). Und dieser Wissenspool wird immer noch weitergedacht. Auch von mir.

Das ist nichts, was einfach „da ist“.

Sobald etwas nach Natur, Weiblichkeit oder Spiritualität aussieht oder entsprechend dargestellt wird, passiert oft Folgendes: Es wird nicht mehr ganz ernst genommen.

Kräuterarbeit wird schnell einsortiert als:

  • nettes Hobby
  • kreativer Ausgleich
  • „ein bisschen Tee trinken und räuchern“

Aber die Realität ist:

Wenn du verantwortungsvoll mit Heilpflanzen arbeitest, bewegst du dich in einem Feld, das vielfältiges Wissen, gute LehrerInnen und einen reichen Erfahrungsschatz erfordert.

Du bist dann bist du ziemlich schnell bei Fragen wie:

  • Was passiert im Körper?
  • Was löse ich aus, wenn ich mit dieser Pflanze/Mischung in jener Zubereitungsweise ran gehe?
  • Passt das gerade überhaupt zu diesem Menschen?
  • Wie lange und in welcher Dosierung kann ich diese Pflanze/Mischung geben?

Das ist nicht „ein bisschen Tee trinken und räuchern“.
Das ist angewandtes Wissen aus Botanik, Chemie, Medizin und Energetik. Kräuterkunde ist eine erfahrungsbasierte, interdisziplinäre Wissenschaft.

Kostenlos im Internet = ohne Wert?

Wir leben in einer Zeit, in der Wissen überall verfügbar ist.

Du findest Rezepte bei Pinterest, Pflanzenprofile bei Instagram und Anwendungstipps auf Blogs. Zum Beispiel auf dem, den du gerade liest.

Alles kostenlos. Und das ist erstmal großartig. Wissen für alle!

Aber es hat auch eine Nebenwirkung:

Wir haben verlernt, den Unterschied zu sehen zwischen
„Ich habe etwas gelesen
und
„Ich habe etwas wirklich verstanden

Denn kostenloser Content ist oft kurz oder verkürzt dargestellt. Er kann aus dem Zusammenhang gerissen sein oder setzt Wissen voraus, von dem du nichts weißt. Er ist nicht auf dich angepasst, besonders wenn du energetische Systeme noch nicht verstanden hast. Er ist nicht überprüft und jeder kann alles schreiben. Und wenn wir schon ehrlich sind: oft einfach unreflektiert von der Kollegin abgeschrieben.

Das Problem ist nicht, dass es kostenlosen Content gibt.
Das Problem ist, dass viele glauben, das reicht.

Das Problem in der deutschen Kräuterszene ist, dass Menschen denken, es reicht sich auf ein paar Fakten, die man sich merkt auszuruhen. Content soll „snackable“ sein. Auf keinen Fall überfordernd oder zu lang. Videos über 15 Minuten sind auf YouTube zu lang, von Reels oder Shorts rede ich hier gar nicht.

Du hörst hier ein bisschen und da ein bisschen. „Jaja, Brennnessel soll ja blutreinigend sein“. Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, was dieses „blutreinigend“ überhaupt bedeutet? Ob da überhaupt das Blut gemeint ist, das du siehst, wenn du dich schneidest? Kannst du die Person, deren Reel du gerade „gesnackt“ hast danach fragen? Bekommst du eine Antwort? Ist die länger als ein Satz?

Ich höre oft, dass meine Blogartikel „zu lang“ wären. Die Menschen lesen sie nicht, weil da müssten sie sich dafür Zeit nehmen und die hätten sie nicht. Bin wirklich ich das Problem oder bist es du?

Trägst du die Verantwortung?

Schlecht oder gar nicht ausgebildete Kräuterpraktizierende schaden dem Ruf der ganzen Szene. Damit meine ich gewisse „Ethnobotaniker“, die Keltengeschwurbel in die Welt setzen und Leute, die völlig wirkungslose Rezepte teilen (z.B. Ölauszüge aus ganzen Pflanzenteilen und kaltem Öl😫). Aber damit meine ich auch Leute, die ihr „Wissen“ aus Social Media oder ChatGPT haben und unhinterfragt im Internet weiterverbreiten ohne selbst Erfahrung gesammelt zu haben.

Denn wenn du mit Kräutern arbeitest, kannst du Fehler machen.

  • Du kannst Pflanzen verwechseln
  • Du kannst falsch dosieren
  • Du kannst etwas anwenden, das gerade überhaupt nicht passt

Und ja, manchmal passiert dann einfach nichts. (Wenn du Glück hast)
Manchmal aber eben auch etwas völlig unerwartetes oder gegenteiliges.

Das heißt:

Kräuterwissen ist nicht nur „nice to have“, wenn mal ein Schnupfen nervt.
Als kräuterpraktizierende Person trägst du eine Verantwortung. Für dich und deine Mitmenschen. Für die Pflanzen und die Umwelt.

Und genau da wird klar, warum fundiertes, tiefes und interdisziplinäres Wissen einen Wert hat. Einen Wert, der unbezahlbar ist, aber durchaus Geld kosten darf.

Eine Frage, die sich lohnt

Du musst nichts bei mir kaufen. Wirklich nicht. Du kannst gern weiterhin meine Blogartikel und YouTube-Videos konsumieren.

Aber vielleicht lohnt es sich, einmal kurz innezuhalten und dich zu fragen:

  • Was ist dir deine Gesundheit wert?
  • Wie wichtig ist dir, dass du verstehst, was du tust?
  • Möchtest du es von einem Menschen mit Erfahrung erklärt bekommen?
  • Möchtest du einfach nur ein bisschen rumprobieren oder wirklich sicher anwenden können?

Es gibt kein richtig oder falsch bei diesen Antworten. Aber sie verändern vielleicht, wie du Wissen bewertest.

Mein Standpunkt

Meine Arbeit ist nicht deshalb etwas wert, weil ich sie anbiete.
Sondern weil sie auf dem Wissen meiner LehrerInnen, meiner Erfahrung und Verantwortung basiert.

Und genau das gilt für viele Menschen in der Kräuterheilkunde genauso.

Kostenloser Inhalt hat seinen Platz, absolut.
Aber er ersetzt keine fundierte Begleitung, keine strukturierte Wissensvermittlung und keine Erfahrung.

Ich mache diese Arbeit aber nicht kostenlos, nur weil Pflanzen draußen wachsen.

Denn das, was ich weitergebe, ist nicht die Pflanze.
Es ist das Verständnis dahinter.

Und das besteht aus:

  • Wissen
  • Erfahrung
  • Fehlversuchen
  • Beobachtung
  • und ziemlich vielen Stunden üben, die niemand sieht

Und jetzt?

Nur weil etwas natürlich ist, ist es nicht automatisch einfach.
Und nur weil etwas einfach aussieht, ist es nicht automatisch oberflächlich.

Kräuter können unglaublich kraftvoll sein.
Und genau deshalb lohnt es sich, sie ernst zu nehmen.

Das beginnt mit einer ganz simplen Erkenntnis:

Wissen wächst nicht einfach auf der Wiese. Es ist Arbeit.

Und vielleicht verändert genau dieser Gedanke ein bisschen, wie du auf Kräuter (und auf die Menschen, die damit arbeiten) blickst.

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