Im Internet tummeln sich viele Falschinformationen und Halbwahrheiten über Heilpflanzen. In dieser neuen Serie werde ich Falschinformationen, die mir über den Weg laufen entlarven und erklären, was wirklich richtig ist. Wir starten mit einem Standardvorurteil über Brennnesseln, das leider nicht korrekter wird, je öfter es weiterverbreitet wird: Dass rote Farbe an jungen Blättern auf Eisen hindeutet.
Der Aufhänger
Als ich heute nichtsahnend auf YouTube unterwegs war, ist mir dieser Beitrag einer österreichischen Kollegin mit recht großer Reichweite aufgefallen:

Warum bilden Pflanzen im Frühling rote Farbstoffe in den Blättern?
Junge Brennnesseln sollen laut der Kollegin „viel Eisen“ haben und dies durch die „Rotfärbung der Blätter und Stängel“ anzeigen. Leider ist das ein Missverständnis, das vielfach wiederholt und jeden Frühling aufs Neue weiterverbreitet wird.
Die roten Farbstoffe, die du jetzt im März an Brennnesselblättern beobachten kannst, verschwinden spätestens ab Mitte April/Mai. Verlieren die Brennnesseln damit ihren „Eisengehalt“?
Aktuell, also Anfang März ist es Nachts und Morgens noch bitterkalt, teilweise unter Null. Dann im Laufe des Tages steigen die Temperaturen auf bis zu 20°C. Das sind extreme Temperaturschwankungen! Zusätzlich brennt die Sonne gerade vom stahlblauen Himmel auf diese jungen, zarten Neuaustriebe. Zu viel Sonnenlicht (besonders UV-Strahlung) ist auch für Pflanzen gefährlich.
Die Pflanze baut also einen Zellschutz in ihre Blätter ein. Sonnencreme draufschmieren kann sie ja nicht.
Anthocyane: Zellschutz für junge Blätter
Dieser Zellschutz ist rötlich (oder blau, je nach pH-Wert des Zellsaftes. Aber das ist eine andere Geschichte.). Es sind Anthocyane. Das sind Pflanzenfarbstoffe, die du vielleicht vom Blaukraut/Rotkohl kennst oder von den Holunderbeeren. Die färben schon in kleiner Menge sehr stark und nehmen durch ihre Farbigkeit energiereiche UV-Strahlung auf und geben sie als Wärme wieder ab. Das geht, weil die Anthocyane freie Elektronen besitzen, die im ganzen Molekül umherschwirren und damit viel Energie aufnehmen und abgeben können. Für unsere menschlichen Augen lösen diese Elektronen den Eindruck der Farbigkeit aus.
Anthocyane als Schutz vor UV-Strahlung und Zellschäden
Doch diese Elektronen können noch sooo viel mehr: Ist dennoch durch die zu starke UV-Strahlung ein Schaden entstanden, indem die energiereichen UV-Photonen ein Elektron aus einem Protein-Molekül oder noch schlimmer: aus der DNA herausgeschlagen haben, geben die Anthocyane eines ihrer Elektronen ab und „reparieren“ so den Schaden. Denn herausgeschlagene Elektronen aus Molekülen verändern die Struktur der Moleküle und damit ihre Funktion. Das kann zu Zellschäden bis hin zu Krebs führen. Übrigens auch bei Menschen. Deshalb sind Anthocyane für uns Menschen genauso wichtig, wie für Pflanzen.
Der Motor für die Bildung der Anthocyane
Mit diesen tiefroten oder blauen Farbstoffen schirmen sich die jungen, zarten Blätter also von der starken UV-Strahlung ab. Der Motor für die Bildung der Anthocyane sind aber die krassen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht. Das kannst du ganz leicht beobachten: Sobald die letzten Fröste verschwunden sind und die Tag/Nacht-Schwankungen nicht mehr so groß sind, verschwindet auch die Rotfärbung. Die Pflanzen kommen jetzt auch ohne zusätzlichen Schutz aus. Deshalb wird dieser Effekt auch Jungendanthocyane genannt.
Enthalten Anthocyane Eisen?
Die Frage ist jetzt: kommt die Annahme, dass rötlich gefärbte Brennnesselblätter besonders viel Eisen enthalten vielleicht von den Anthocyanen? Enthalten die Eisen?
Da Anthocyane eine Stoffgruppe sind und es viele verschiedene gibt, hier ein paar Beispiele:


Das chemische Zeichen für Eisen ist übrigens Fe. In Anthocyanen ist es nicht zu finden. Anthocyane sind charakterisiert durch ihre vielen OH-Gruppen und die zyklischen Ringe. Leider kein Eisen hier.
Und die Metallkomplexe?
Ja, du hast recht. Manche Anthocyane bilden mit Aluminium oder Eisen Metallkomplexe, die die Färbung der Anthocyane von Rot Richtung Blau verschieben. Das kennst du vielleicht von Hortensien. Die brauchen genug Aluminium- oder Eisensalze im Boden, um den wunderschönen blauen Komplex bilden zu können. BLAU!!!!

Die rote Farbe hat also keinerlei Bezug zu Eisen. Woher kommt die Vorstellung dann, dass die rote Farbe etwas mit Eisen zu tun haben könnte?
Der Zusammenhang zwischen roter Farbe an Pflanzen und Eisen
Während ich mir mit meiner Erklärung der chemischen Eigenschaften durch eine abgeschlossene Ausbildung zur Chemielaborantin und 12 Jahre Chemielaborerfahrung sehr sicher bin, dir hier keinen Quatsch zu erzählen, kommt jetzt der Teil mit der Spekulation.
Ich hab da so ne Theorie, warum sich das mit dem Eisen so hartnäckig hält. Und zwar ist oxidiertes Eisen aka. Rost ja auch rot. Vielleicht denken die Menschen, dass hier ein Zusammenhang bestünde. Das lässt sich aber sehr leicht optisch widerlegen, denn Rostrot hat einen gelbstich, während das Rot der Anthocyane ins Blaue geht.
Vielleicht stammt der Fehlschluss auch über falsch verstandene alchemistische Texte: Denn Brennnessel verkörpert in der Alchemie und der Pflanzenastrologie die Energie des Mars. Heiß und Feurig, wenn du dich schon mal an der Brennnessel gebrannt hast, weißt du woher diese Assoziation kommt. Der Planet Mars ist ja rostrot und die Brennnessel eine Mars-Pflanze. Zack-Fehlschluss!
Dabei macht die Zuordnung der Brennnessel zur Mars-Energie durchaus Sinn. Alchemie ist eine Art Linse, durch die du die Welt strukturieren kannst. Zum Beispiel, indem zu die Eigenschaften der Pflanzen astrologischen Energien zuordnest. Das funktioniert aber nur dann, wenn du diese Energien auch verstanden hast. Ich tu mir da immer noch schwer, aber wenn du da mehr darüber wissen willst, dann empfehle ich dir meinen Lehrer Sajah Popham: Medical Astrology and Herbalism: Mars – The School of Evolutionary Herbalism
Fazit
Also:
- Der rote Farbstoff in den jungen Brennnesselblättern sind Jugendanthocyane, die die zarten jungen Zellen vor zu viel UV-Strahlung schützen.
- Die Anthocyane enthalten kein Eisen
- Der Zusammenhang zwischen roter Färbung und Eisengehalt kommt eventuell von falsch ausgelegter Signaturenlehre oder Alchemie/Astrologie.
- Große Reichweite =/= gut recherchierte Beiträge. Halte immer die Augen offen und hinterfrage. (Gern auch meine Artikel.)
Hat dir dieses neue Format gefallen? Dann lass es mich wissen! Schreibe mir einen Kommentar.
Wenn du auch über zweifelhafte Posts stolperst, dann schick sie mir gerne. Ich verwurste Kräuterquatsch gern hier auf dem Blog und stelle Missverständnisse und gefährliches Halbwissen richtig.
