(Und wie du seriöse Quellen in der Kräuterkunde findest)
Es klingt hart, aber: In der Kräuterwelt wird unglaublich viel Unsinn verbreitet. Nicht unbedingt aus böser Absicht. Die meisten kopieren einfach irgendwo etwas ab, das wiederum irgendwo abgeschrieben wurde. Und am Ende steht ein Mix aus Rezepten, Wirkversprechen und Fantasie-Mythen, die weder in traditionellen Anwendungsbereichen vorkommen, noch wissenschaftlich belegt sind.
Für Anfänger ist das toxisch. Du weißt nicht, was stimmt – also vertraust du dem erstbesten, der auf TikTok hübsche Videos filmen kann.
Damit ist jetzt Schluss!
Hier bekommst du einen einfachen, idiotensicheren Leitfaden, mit dem du bullshitfreie Pflanzeninfos erkennst.
1. Stelle zuerst die Grundfrage: Was behauptet die Quelle eigentlich?
Die simpelste Regel:
Je größer das Heilversprechen, desto misstrauischer darfst du sein.
Wenn eine Quelle sagt:
- „Dieses Kraut heilt XY immer“
- „Das ist DAS Frauenkraut“
- „Ein echtes Entgiftungskraut“
- „Reinigt die Aura, heilt die Leber und hilft beim Manifestieren von Reichtum“ 😂
… dann weißt du: Wir haben ein Problem.
Seriöse Aussagen klingen eher wie:
- „Traditionell wurde diese Pflanze in der Volksmedizin bei … eingesetzt.“
- „Studien deuten darauf hin, dass…“
- „In der Energetik gilt sie als kühlend/wärmend/entspannend.“
- „Das Kraut kann helfen, wenn die Beschwerden zu diesem Muster passen.“
Du merkst, dass in seriösen Quellen öfters mal der Konjunktiv (könnte, möchte…) benutzt wird. Denn jeder Körper ist anders und reagiert unterschiedlich auf Pflanzen. Was für mich passt, kann für dich absolut schädlich sein. Aussagen, wie „diese Pflanze hilft bei allem“ oder ewig lange Wirkungslisten ohne Begründung, warum diese Pflanze das alles machen soll, sagen vor allem, dass die Person, die diese Aussagen in die Welt schickt, es möglicherweise selbst nicht weiß.
2. Wenn eine Quelle etwas behauptet, frage: Woher hat sie das?
Gute Quellen zeigen ihre Herkunft.
Unsichere schweigen oder werden wolkig.
Bei guten Texten findest du Hinweise auf:
- antike, mittelalterliche oder neuzeitliche Kräuterbücher (z. B. Kneipp, Hildegard, Dioskurides)
- Studien oder Laborergebnisse
- Herleitung über die Pflanzenchemie
- Zuordnungen der Humoralpathologie/ westlicher Energetik
- Ayurvedische Zuordnungen
- TCM-Kategorisierung
Bei schlechten Quellen findest du:
- keinerlei Quellenangaben
- „Man sagt…“
- „Alle Hexen wissen…“
- „Das steht in alten keltischen Überlieferungen“ (Spoiler: tut es nicht.🚩)
3. Prüfe, ob die Pflanze wirklich das kann, was behauptet wird
Das kannst du nachprüfen:
1) Passt die Wirkung zur Pflanzenfamilie?
Viele Pflanzenfamilien bilden ähnliche Inhaltsstoffe (und Allergene). Während Nachtschattengewächse (Kartoffel, Tollkirsche, Tomate…) für ihre Alkaloidproduktion berüchtigt sind, die gern giftig/stark wirksam sind, sind viele Menschen auf die Pollen der Korbblütler (Beifuß, Kamille,…) allergisch. Lippenblütler (wie Oregano, Lavendel, Minze) bilden entweder ätherische Öle, Bitterstoffe oder beides. Ein grober Überblick über die Pflanzenfamilien hilft dir hier, eine Aussage zur Wirkung grob einzuschätzen.
2) Passt die Wirkung zur Pflanzenchemie?
Wenn ein Schleimdrogenkraut (z. B. Eibisch) angeblich „erwärmend, lösend und entzündungshemmend“ wirken soll, dann stimmt hier etwas nicht. Denn Pflanzenschleim ist, naja, halt schleimig. Also feucht und kühlend. Das kann bei mancher Entzündung durchaus helfen (v.a. wenn die Entzündung aus Trockenheit entstanden ist), aber wärmend ist einfach keine logische Zuordnung. Ätherische Öle und Harze sind meistens wärmend und anregend (Minze ist kühlend und anregend).
3) Ist die Zubereitungsform kompatibel?
Das schließt nahtlos bei der Pflanzenchemie an. Ich schreibe hier immer von meinem Hassobjekt: dem Kurkumatee! Ich versteh es einfach nicht, wie man so einen Bullshit im Landen verkaufen darf! 🤬 Denn die Hauptwirkstoffe in Kurkuma sind Harze. Und die sind halt nicht wasserlöslich! Im Ayurveda (das Medizinsystem wo Kurkuma herkommt) wird Kurkuma immer in Kokosöl oder Milch gekocht. Aber weil wir Europäer alles besser wissen, machen wir Tee draus. Die traditionelle Anwendung in Verbindung mit der Inhaltsstoffchemie kann solche sinnlosen Trendprodukte schnell entlaven.
4) Werden Nebenwirkungen erwähnt?
Wo Risiken komplett fehlen, ist die Quelle unvollständig oder fahrlässig. Der Hinweis auf den Stimmritzenkrampf bei Kleinkindern sollte in keiner Pfefferminze-Monographie fehlen, genauso wie die Wechselwirkungen mit Medikamenten bei Johanniskraut. Nicht jede Pflanze ist für jede/n geeignet und sollte immer eingeordnet werden.
4. Achte auf einen seriösen Umgang mit Traditionen
Wenn eine Quelle so tut, als wüsste sie genau, was „die Kelten“, „die Germanen“ oder „die weisen Frauen im Mittelalter“ angeblich genutzt haben – lauf.🚩 Denn weder Kelten, noch Germanen haben Schriftquellen hinterlassen. Ob es die weisen Frauen im Mittelalter wirklich gegeben hat, wage ich zu bezweifeln, denn da gibt es Schriftquellen und sie kommen darin nicht vor.
Seriöse Kräuterkunde sagt:
- „Herkunft unklar“
- „Aus der Ayurveda-Tradition Indiens“
- „Diese Anwendung ist modern und wissenschaftlich belegt“
Menschen, die ihre Mythen nicht hinterfragen, sind keine guten Lehrer.
5. Welche Quellen sind wirklich verlässlich?
Ich gebe dir eine klare Einstufung:
Sehr gut:
- wissenschaftliche Datenbanken (z.B. PubMed)
- Phytotherapie-Fachliteratur
- Fachautor*innen mit botanischem, pharmakologischem oder ethnobotanischem Background (Wobei ethnobotanische Literatur gern zur Unseriösität neigt)
- Ayurveda- oder TCM-Literatur mit Quellenangaben
- Erfahrene Kräuterlehrer*innen, die eine eigene Kräuterpraxis besitzen oder besessen haben und aus ihrer langjährigen Erfahrung schreiben (z. B. Rosemary Gladstar, Matthew Wood, Rosalee de la Foret)
Mittelgut:
- Kräuterblogs mit Quellenangaben oder Hinweis auf die Lehrer*innen oder Kräutertradition
- Kräuterbücher, die Wissen ausschließlich referieren
Dünnes Eis:
- Instagram-Reels und TikTok-Videos
- KI-generierte Inhalte (über 80% der Kräuterbücher auf Amazon sind KI-generiert)1
Warnsignale (Red Flags)🚩
Wenn du eine dieser Aussagen hörst, dann prüfe skeptisch:
- „Dieses Kraut hat keine Nebenwirkungen.“
- „Das ist ein Frauenkraut.“ (So pauschal gibt es das nicht.)
- „Reinigt den Körper.“
- „Altes keltisches Druidenwissen.“
- „100 % sicher in der Schwangerschaft.“
- „Entzündungshemmend“ (Es gibt keine entzündungshemmende Pflanzen)
Das ist Marketing, kein Pflanzenwissen. Hinterfrage hier, was dir verkauft werden soll.
6. Was Anfänger oft übersehen
Seriöse Kräuterkunde lässt Fragen offen.
Keine Pflanze wirkt bei allen. Keine Tradition ist komplett unverändert überliefert.
Es reicht, wenn du lernst zu prüfen, statt blind zu glauben.
Du musst nicht alles wissen.
Du musst nur ein Gespür dafür bekommen, was nicht stimmen kann.
Damit bist du den meisten Kräuterleuten im Netz schon Lichtjahre voraus.
7. Mini-Übung: Die 60-Sekunden-Bullshit-Prüfung
Nimm einen beliebigen Pflanzenpost (Instagram, Pinterest, Blog) und prüfe:
- Wird die Pflanze klar benannt? (am besten mit botanischem Namen)
- Gibt es ein realistisches Wirkprofil? Wird es erklärt?
- Wird die Zubereitung erklärt?
- Gibt es Hinweise auf Risiken?
- Klingt es wie Wissenschaft oder wie Marketing? (Marketing weckt Emotionen in dir)
- Down, Aisha. (2025). Detection firm finds 82% of herbal remedy books on Amazon ‘likely written’ by AI. The Guardian. https://www.theguardian.com/books/2025/oct/22/detection-firm-finds-82-of-herbal-remedy-books-on-amazon-likely-written-by-ai ↩︎
