Du glaubst gar nicht, wie oft diese Frage kommt. Und meistens traut sich niemand, sie zu stellen, weil alle denken, man müsse das ja „einfach wissen“.
Nein. Muss man nicht. Lass uns einmal komplett von vorn anfangen.
Heilkraut – was bedeutet das eigentlich?
Ein Heilkraut ist schlicht eine Pflanze, die eine Wirkung auf deinen Körper oder Geist hat. Mild oder deutlich spürbar ist erstmal egal.
Pflanzen produzieren Stoffe, die im menschlichen Körper verschiedene Dinge auslösen oder verändern können, wie:
- Entzündungen modulieren
- den Magen beruhigen
- Schleim lösen
- dein Nervensystem entspannen oder stimulieren
- deine Verdauung anregen
- kühlen oder wärmen (energetisch gesprochen)
Ein Heilkraut ist also keine spezielle Kategorie von Pflanzen.
Es ist eher eine Beziehung zwischen dir und der Pflanze:
Die Pflanze kann etwas und du weißt, wie du dieses „Etwas“ sinnvoll nutzt. Eine Heilpflanze in den Händen unerfahrener Menschen kann ggf. schlimme Auswirkungen haben. Dazu aber weiter unten mehr. Jetzt klären wir erstmal
Heilpflanze vs. Küchengewürz vs. Wildkraut: gibt’s da Unterschiede?
Jein.
- Heilpflanzen werden traditionell oder wissenschaftlich genutzt, um Symptome zu lindern oder die Gesundheit zu unterstützen.
- Küchenkräuter haben oft starke ätherische Öle, sie schmecken daher aromatisch und fördern die Verdauung. Sie sind gleichzeitig Heilpflanzen. Es kommt aber auf die Dosierung an.
- Wildkräuter wachsen ohne menschliche Pflege. Manche sind Heilpflanzen, manche Nahrungsmittel, manche… eher nicht zum Essen geeignet.
Die Grenzen sind nicht scharf. Viele Pflanzen sind in mehreren Rollen vertreten, wie etwa Oregano. Auf der Pizza ist er ein leckeres Gewürz, als Tee oder Tinktur hilft er, verschleimten Husten zu lindern.

Braucht ein Heilkraut wissenschaftlichen Beweis?
Nein. Aber es schadet auch nicht.
Traditionelle Anwendung über viele Generationen ist schon eine Form von empirischer Evidenz.
Wissenschaftliche Studien ergänzen das Bild und helfen uns, besser zu verstehen:
- Welche Inhaltsstoffe wirken?
- In welcher Form wirken sie?
- Welche Dosierung ist sinnvoll?
- Welche Risiken gibt es?
Beide Ebenen gehören zusammen. Vielleicht geben die Studien mehr Sicherheit in der Anwendung oder die Erfahrungen deiner Oma. Beides ist okay. Bei Studien solltest du jedoch prüfen, ob mit der ganzen Pflanze oder einem standardisierten Extrakt gearbeitet wurde und wer die Studie finanziert hat…
Warum ist (nicht) jede Pflanze automatisch heilsam?
Ich glaube dass jede Pflanze auf irgendeine Art und Weise auf den menschlichen Körper wirkt. Wir wissen bei vielen Pflanzen einfach nicht, was sie tun. Denn Pflanzen sind chemische Cocktails aus den verschiedensten Stoffen.
Sie bilden ihre Inhaltstoffe für sich selbst, nicht für uns:
- gegen Fressfeinde, wie Raupen
- gegen Bakterien
- zur Kommunikation mit anderen Pflanzen
- als Sonnenschutz
- als Stressreaktion
Manche Stoffe haben zufällig einen positiven Effekt auf uns. Andere sind für uns giftig.
Und viele sind erst in bestimmten Zubereitungen nützlich (Tee, Tinktur, Öl, usw.).

Die größte Anfängerfalle: „Natürlich = immer gut.“
Nein.
Nein.
Und nochmal nein. 🚩
Pflanzen sind weder sanfter noch ungefährlicher als Medikamente.
Sie sind bloß anders dosiert, anders verarbeitet und anders komplex.
Deshalb gilt:
Respekt ja, Angst nein.
Behandle Heilpflanzen immer mit dem angemessenen Respekt und recherchiere in guten Kräuterbüchern* mögliche Allergien, Wechselwirkungen mit Medikamenten, Zubereitungen und Dosierung.
Du musst nicht 500 Pflanzen auswendig lernen.
Wenn du 10 Pflanzen wirklich verstehst, kommst du schon unglaublich weit.
*ein gutes Kräuterbuch hat jemand geschrieben, der oder die selbst mehrere Jahre Erfahrung im Umgang mit Heilpflanzen hat. Am besten sind Bücher von praktizierenden Kräuterleuten, die Kräuter auch an Klienten zur Gesundheitsförderung nutzen. (du verstehst hoffentlich, was ich meine 😉)
Die wichtigsten Kategorien eines Heilkrauts
Damit du Pflanzen später besser einordnen kannst, helfen dir diese vier Bereiche:
1. Volksheilkunde / Tradition
Was wurde über Generationen beobachtet?
2. Chemie & Löslichkeit
Welche Stoffgruppen stecken drin – und lösen sie sich eher in Wasser, Alkohol, Öl?
3. Energetik
Ist die Pflanze eher kühlend, erwärmend, trocknend, befeuchtend, entspannend, tonisierend? Traditionelle Gesundheitssysteme, wie TCM, Ayurveda oder die europäische Humoralpathologie (4-Säfte-Lehre) nutzen diese Begriffe, um subjektive Empfindungen greifbar zu machen.
Dazu gibt es eine ganze Blogartikel-Serie: Energetik
4. Anwendung & Zubereitung
Wie kommt das Kraut sinnvoll in oder auf deinen Körper? Hier ist das chemische Wissen von Punkt 2 nützlich. Denn nichts ist ärgerlicher als Kurkuma-Tee😅
(Die Inhaltsstoffe in Kurkuma sind ausschließlich Öl-Löslich. Ein wässriger Aufguss aka Tee löst halt einfach gar nix von den guten Stoffen)
Mehr zum Thema findest di hier: Frisch, getrocknet oder als Tinktur? Die besten Verarbeitungsmethoden für Heilkräuter
Wann wird ein Heilkraut zur Gefahr?
Damit du gleich am Anfang die größten Fehler vermeidest:
- Falsche Pflanze gesammelt (Wildsammeln ist meiner Meinung nix für Anfänger, sondern nochmal eine ganz eigene Kunst. Ein Beispiel findest du hier: Wildkräuter sammeln: 5 typische Anfängerfehler)
- Falsche Dosis (Kannst du die Pflanze als Spinatersatz kochen, wie Brennnessel oder sprechen wir von einer Pflanze, wie Fingerhut, die in die Hände von Spezialisten gehört? Manche Pflanzen, wie Kamille haben je nach Dosis ein Wirkungsspektrum von entspannt bis einschläfernd. Hier gibt es mehr dazu: Dosierung von Heilkräutern: Wie viel ist gesund?)
- Falsche Zubereitung (hier sind wir wieder beim Kurkuma Tee von eben)
- Schwangerschaft / Stillzeit / Kinder (viele Kräuter können abtreibend wirken, Pfefferminze kann bei kleinen Kindern einen Stimmritzenkrampf auslösen. Recherche in guten Büchern ist hier noch wichtiger!)
- Kombination mit Medikamenten (Dass Johanniskraut mit vielen Medikamenten interagiert ist inzwischen im Mainstream angekommen, doch es gibt noch viel mehr Pflanzen, die das tun.)
- Allergien (Bitte setzte dich hier mit Pflanzenfamilien auseinander. Denn wenn du auf Beifuß allergisch bist, kann es sein, dass du auch auf Kamille reagierst. Beide Pflanzen gehören zur selben Pflanzenfamilie, den Korbblütlern)
- Pflanzen mit starker Wirktiefe und kleinem therapeutischen Spektrum (z. B. Fingerhut, Stechapfel – diese gehören NICHT in Anfängerhände)
Das heißt nicht, dass du Angst haben musst.
Es heißt einfach: Lerne bewusst und informiere dich.

Warum dieses Wissen dich vor Überforderung schützt
Wenn du verstanden hast, was ein Heilkraut überhaupt ist und was es tut, fällt ein riesiger Druck weg:
- Du musst keine Pflanzengeheimnisse entschlüsseln. (Hey, es gibt Leue, die damit Werbung machen!🚩)
- Du musst nicht spirituell begabt sein.
- Du musst nicht alle Inhaltsstoffe kennen und schon gar nicht auswendig hersagen können
- Du musst nicht mit Sammelkörbchen in den Wald rennen. Tipps zum Kräuter kaufen findest du hier: Heilkräuter kaufen: Wie du gute Qualität erkennst
Du musst nur wissen:
Was tut diese Pflanze und was brauche ich?
Das ist Kräuterkunde.
Mini-Übung: Wie du Heilkraut neu denkst
Nimm eine Pflanze, die du schon kennst und daheim hast.
Egal ob Basilikum, Pfefferminze, Rosmarin oder Kamille.
Gieß dir einen Tee aus 1 TL Pflanze auf 200mL heißem Wasser auf, lass alles ca. 5-10 Minuten ziehen und seihe ab. Dann trinke den Tee achtsam und beantworte für dich folgende Fragen:
- Was macht diese Pflanze mit meinem Körper?
- Wie fühlt sie sich an? Warm? Kühl? Anregend? Schwer?
- Ist sie in einem Organ(system) oder Körperbereich besonders spürbar?
- Wie nutze ich sie bisher?
- Was könnte ich ausprobieren?
Du wirst merken:
Du weißt bereits mehr als du glaubst. Dein Körper ist der Schlüssel.
